Das Buch der Farbkonzepte: Eine transformative Publikation zur Farbtheorie
Der neue Band „Das Buch der Farbkonzepte“ von TASCHEN, herausgegeben von Alexandra Loske und Sarah Lowengard, bietet eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Geschichte der Farbentwicklung. Das 846-seitige Werk, das im März 2024 veröffentlicht wurde, ist nicht nur ein prachtvoller Bildband, sondern auch ein unverzichtbares Nachschlagewerk für jeden, der sich beruflich oder aus persönlichem Interesse mit Farbe auseinandersetzt. Es beleuchtet, wie der Mensch seit Jahrhunderten versucht hat, die schwer fassbare Natur der Farbe zu verstehen und zu systematisieren.
Einblicke in die Welt der Farbtheorie: Ein unvergleichliches Kompendium
Die Publikation versammelt über 65 seltene Bücher und Manuskripte aus renommierten Farbsammlungen weltweit. Ergänzt durch über 1.000, teils exklusiv für diese Ausgabe neu fotografierte Bilder, reicht die Bandbreite von Isaac Newtons „Opticks“ bis zu Johann Wolfgang von Goethes „Zur Farbenlehre“ und darüber hinaus zu weniger bekannten, aber ebenso bedeutsamen Werken wie den theosophischen Farbsystemen von Charles Webster Leadbeater und Annie Besant oder den Farbkompositionen des japanischen Designers Sanzo Wada. Das Buch bietet eine einmalige Gelegenheit, diese historischen Dokumente im Detail zu studieren und deren Bedeutung für die jeweilige Epoche zu erfassen.
Ein zentrales Thema des Buches ist die sogenannte chromatische Archäologie. Dieser Ansatz versteht historische Farbsysteme nicht als veraltet, sondern als Ausdruck der spezifischen Probleme und Annahmen ihrer Zeit. So löste Newton optische Probleme, Goethe beschäftigte sich mit Wahrnehmung und Emotionen, während Leadbeater und Besant spirituelle Fragen mittels Farbe zu beantworten suchten. Jedes System wird im Kontext seiner kulturellen und wissenschaftlichen Umgebung betrachtet, was eine vielschichtige und intellektuell ehrliche Analyse ermöglicht.
Ein herausragender Aspekt der Publikation ist die Würdigung von bislang übersehenen weiblichen Farbtheoretikerinnen. Mary Gartsides „Farbtupfer“, die bereits lange vor der Begriffsprägung eine Form der chromatischen Abstraktion darstellten, und Hilma af Klints botanische Notizbücher, die ihre systematische und spirituelle Farbpraxis offenbaren, werden hier mit der ihnen gebührenden wissenschaftlichen Aufmerksamkeit präsentiert. Diese Beiträge korrigieren nicht nur historische Ungerechtigkeiten, sondern erweitern auch unser Verständnis der Farbtheoriegeschichte erheblich.
Die Darlegung theosophischer Farbsysteme durch Leadbeater und Besant mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, ist aber für das Verständnis der kulturellen Kodierung von Farbe zu Beginn des 20. Jahrhunderts unerlässlich. Ihre Konzepte beeinflussten zudem die frühe abstrakte Kunst, wie etwa Wassily Kandinsky, und werden im Buch ohne Wertung, aber mit präziser Kontextualisierung vorgestellt.
Des Weiteren wird der Begriff der chromatischen Taxonomie eingeführt, der die Versuche beschreibt, Farben vollständig zu inventarisieren und zu klassifizieren. Die detaillierten „Farbwörterbücher“ von Maerz und Paul zeigen exemplarisch, wie jede Taxonomie die Annahmen ihrer Autoren widerspiegelt – sei es die Priorisierung von Farbton, emotionaler Assoziation oder physikalischer Wellenlänge. Das Buch verdeutlicht, dass jede Farbsystematik letztlich ein Argument darstellt.
Sanzo Wadas ästhetischer und praktischer Ansatz zur Farbharmonie, der westliche Theorien mit traditioneller japanischer Textilsensibilität verbindet, wird als philosophische Aussage gewürdigt, die sich nicht in Prosa, sondern in Stoffmustern ausdrückt.
Die außergewöhnliche Produktionsqualität des Buches, mit präzisen Farbwiedergaben und detailreichen Abbildungen vieler neu fotografierter Originalmanuskripte, unterstreicht seinen Referenzcharakter. Diese Kombination aus editorischer Tiefe und archivalischer Breite macht „Das Buch der Farbkonzepte“ zu einem unverzichtbaren Werk für jeden, der Farbtheorie lehrt, anwendet oder erforscht.
Die Frage nach der Relevanz historischer Farbtheorie für die zeitgenössische Designpraxis wird bejaht. Moderne Farbsysteme wie Pantone und digitale Farbwähler sind direkte Nachfahren der in diesem Buch dokumentierten historischen Impulse. Die Logik der Farbharmonie, die in vielen Designprogrammen steckt, wurzelt in den Arbeiten Goethes und Moses Harris’. Das Buch zeigt auf, wie die Geschichte in unseren Werkzeugen präsent ist und uns bewusster mit Farbe umgehen lässt.
Das Buch „Das Buch der Farbkonzepte“ von TASCHEN ist eine bedeutende Errungenschaft in der Kunst- und Designgeschichte. Es vertieft nicht nur das Verständnis für die Entwicklung der Farbtheorie über vier Jahrhunderte hinweg, sondern liefert auch wertvolle Impulse für zukünftige Entwicklungen im Bereich der Farbwissenschaft und -anwendung. Die sorgfältige Auswahl und Präsentation der Materialien, kombiniert mit der fundierten Analyse durch Alexandra Loske und Sarah Lowengard, machen es zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk für alle, die Farbe in ihrer Komplexität und Schönheit erforschen möchten. In einer Welt, in der Algorithmen zunehmend Farbentscheidungen treffen, ist dieses Werk eine wichtige Erinnerung an die menschliche Faszination und den intellektuellen Kampf um das Verständnis von Farbe.
