MusikSep 21, 2026, 11:22 AM

Die Linke feiert Wahlerfolg in Berlin: Eine Analyse von Kultur und Politik

Die Linke feiert Wahlerfolg in Berlin: Eine Analyse von Kultur und Politik
[ DIGITAL_PREVIEW.RAW ]
Dieser Artikel beleuchtet die Feierlichkeiten der Linken nach ihrem Wahlerfolg in Berlin, wobei der Fokus auf kulturellen Ausdrucksformen wie dem Halay-Tanz und dem Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ liegt. Es wird die politische Verortung dieser Elemente innerhalb der Partei sowie deren historische und kulturelle Bedeutung untersucht.

Feierlicher Triumph: Linkspartei im Rampenlicht nach Berliner Wahl

Ein Fest der Freude: Wahlsieg der Linken im Berliner Festsaal Kreuzberg

Nach der Auszählung der Stimmen für die Berliner Abgeordnetenhauswahl in der Montagnacht, gab es für die Linkspartei allen Grund zur Ausgelassenheit. Die Partei, angeführt von Spitzenkandidatin Elif Eralp, konnte laut Angaben der Landeswahlleitung beeindruckende 25,7 Prozent der Zweitstimmen für sich verbuchen. Ein signifikanter Anstieg gegenüber den 12,2 Prozent aus dem Jahr 2023, der die Linke erstmals zur stärksten Kraft bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl machte. Im Vergleich dazu erzielte die CDU 18,8 Prozent, die AfD 16,3 Prozent, die Grünen 14,3 Prozent und die SPD 12,1 Prozent.

Kultureller Ausdruck des Wahlsiegs: Halay-Tanz und der Ruf „Jin, Jiyan, Azadî“

Die Euphorie spiegelte sich in den ausgelassenen Feierlichkeiten im Festsaal Kreuzberg wider. Ein von Reuters Connect verbreitetes, etwa zweieinhalbminütiges Video dokumentiert einen dieser freudigen Augenblicke, in dem Mitglieder der Linken gemeinsam den traditionellen Halay tanzen. Das Material, das ursprünglich von der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu gefilmt wurde, wird zur Lizenzierung angeboten, wobei Reuters ausdrücklich darauf hinweist, den Inhalt weder verifiziert noch redaktionell bestätigt zu haben. Anadolu beschreibt die Szene als Halay, begleitet von türkischer Musik. Weitere im Internet kursierende Aufnahmen und Berichte deuten darauf hin, dass bei der Feier angeblich „Jin, Jiyan, Azadî“ gerufen wurde – ein Slogan, über den unter anderem der „Rolling Stone“ und diverse türkischsprachige Medien am Montag berichteten. Einige dieser Berichte erwähnen zudem, dass Elif Eralp selbst den Ruf mitgesprochen haben soll.

Die tiefere Bedeutung des Slogans: „Jin, Jiyan, Azadî“

Der kurdische Ausdruck „Jin, Jiyan, Azadî“ bedeutet übersetzt „Frau, Leben, Freiheit“. Seine Ursprünge liegen tief in der Geschichte der kurdischen Frauenbewegung. Forscher und die Heinrich-Böll-Stiftung datieren seine Entstehung auf die politischen Kämpfe der späten 1980er- und 1990er-Jahre. Später fand der Slogan unter anderem in der kurdischen Bewegung in Syrien Verwendung.

Globale Resonanz: „Jin, Jiyan, Azadî“ als Symbol des Widerstands

Internationale Bekanntheit erlangte der Slogan im September 2022, als die 22-jährige Kurdin Jina Mahsa Amini im Iran nach ihrer Festnahme durch die sogenannte Sittenpolizei starb. Bei ihrer Beerdigung in Saqqez wurde „Jin, Jiyan, Azadî“ gerufen. Von dort aus verbreitete sich die Parole über zahlreiche iranische Städte und wurde in den folgenden Jahren auch außerhalb des Iran bei Demonstrationen, Konzerten und Solidaritätsveranstaltungen aufgegriffen und zu einem weltweiten Symbol des Widerstands.

Der Halay-Tanz: Mehr als nur „traditionell türkisch“

Auch beim Halay lohnt sich ein genauerer Blick. Anadolu bezeichnet ihn in der Videobeschreibung als „traditionellen türkischen Tanz“, eine grobe Einordnung, die kulturell jedoch zu kurz greift. Halay umfasst eine ganze Familie regionaler Gruppen- und Reihentänze, bei denen die Tanzenden oft nebeneinanderstehen und sich an Händen, Armen oder Schultern halten. Rhythmus, Geschwindigkeit und Schritte variieren je nach Region erheblich.

Kulturelle Vielfalt und Überschneidungen: Halay und Govend

Das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus dokumentiert zahlreiche Halay-Formen aus verschiedenen Teilen Anatoliens. Traditionell wird die Musik oft von Davul (einer großen Trommel) und Zurna (einem laut klingenden Doppelrohrblattinstrument) gespielt. Halay wird unter anderem bei Hochzeiten und anderen gemeinschaftlichen Feiern getanzt. Die kulturellen Übergänge sind dabei fließend. Im Kurdischen ist für verwandte Reihentänze die Bezeichnung Govend gebräuchlich. Eine 2025 an der Harvard University veröffentlichte musikethnologische Arbeit über kurdisches Musikleben in Istanbul beschreibt Govend und Halay als sich überschneidende Kategorien. Viele Kurd:innen in Istanbul verwendeten demnach selbst das türkische Wort Halay. Eine ebenfalls 2025 erschienene vergleichende Untersuchung zu armenischen, kurdischen und türkischen Tanztraditionen betrachtet Gyovnd, Yallı und Halay als eng verwandte Formen gemeinschaftlicher Kreis- und Reihentänze. Die Szene aus dem Festsaal Kreuzberg lässt sich deshalb schwer einer einzigen ethnischen Tradition zuordnen.

Politische Verortung: Die Berliner Linke und ihre Solidarität

Die Präsenz kurdisch geprägter Parolen und gemeinschaftlicher Tänze bei der Wahlfeier ist im Kontext der Berliner Linken nicht überraschend. Die Partei sucht seit Jahren aktiv die Nähe zu feministischen, kurdischen und iranischen Initiativen in der Stadt und versteht internationale Solidarität als integralen Bestandteil ihres politischen Selbstverständnisses.

Weitere Artikel