Kunst und Zukunft: Leeroy News "Balangay Spacecraft" im Futurium
Eine schwimmende Zukunft: Leeroy News Vision aus Bambus und Plastik
Die "Balangay Spacecraft": Eine Zukunftsvision im Futurium
Im Berliner Futurium, einem Museum für Zukunftsfragen, lädt die Ausstellung "Ocean Futures" die Besucher ein, die globalen Wassermassen als Infrastruktur, Archiv und Lebensraum neu zu denken. Im Mittelpunkt steht die Installation "Balangay Spacecraft" des philippinischen Künstlers Leeroy New. Dieses Werk, eine Ansammlung miteinander verbundener Kugeln aus Bambus und recyceltem Plastik, erscheint teils als Mangrove, teils als künstliche Insel – ein zukünftiger Lebensraum, der auf unsicherem Grund Wurzeln schlägt.
Wandel und Wachstum: Die Kammern der "Balangay"
Die einzelnen Kugeln dienen als begehbare Räume, die einen Prozess der Transformation und des Wachstums symbolisieren. Sie sind Orte der Pflege und der Wiedergeburt, in denen die Form und Funktion eines Gefäßes ineinandergreifen. "Balangay", ein altes Holzboot, das einst auf den philippinischen Inseln für Handel und Migration genutzt wurde, dient New als Gerüst für gemeinschaftliches Raumschaffen. Diese spekulative Architektur erfüllt dabei eine praktische Aufgabe: Sie ist eine Plattform für Lernen, Zuhören und bürgerlichen Austausch. Im Gespräch mit Ignant reflektiert Leeroy über das Bauen mit den Überresten des globalen Konsums und das Neudenken von Zugehörigkeit und Gemeinschaft angesichts steigender Meeresspiegel.
Inspiration und Ursprung: Die Geschichte hinter dem Werk
Leeroy New erklärt, dass die Kommission für "Balangay Spacecraft" durch die Zusammenarbeit zwischen dem Futurium und dem Mind Museum in Manila zustande kam. Die Ausstellung ist eine Weiterentwicklung seiner spekulativen philippinischen Science-Fiction-Strukturen "Mebuyan’s Colony" und "Mebuyan’s Cradle". Mebuyan ist eine präkoloniale Göttin der Bagobo aus den Philippinen, die für Tod und Fruchtbarkeit steht. Ihre Darstellung mit Brüsten am ganzen Körper, die von Europäern einst als grotesk empfunden wurde, inspirierte die kugelartigen Formen in News Werken. Diese dienen als interaktive, gebärmutterähnliche Räume, die Transformation, Wachstum und Wiedergeburt symbolisieren.
Kunst im öffentlichen Raum: Nachhaltigkeit und Zugänglichkeit
New betont, dass seine Werke, obwohl es sich hier um eine Indoor-Installation handelt, dem Gedanken des öffentlichen Raumes treu bleiben, da das Futurium für alle frei zugänglich ist. Er integriert oft landwirtschaftliche Systeme und arbeitet mit Landwirten und Gärtnern zusammen, um seine Strukturen zu begrünen, die hauptsächlich in öffentlichen Räumen zu finden sind.
Globale Herausforderungen: Verschmutzung und Ressourcenknappheit
Die Installation greift auch größere Themen wie Müll, Klimawandel und Wasser auf. New beleuchtet die Problematik der Philippinen als Entwicklungsland, das mit einer hohen Bevölkerungsdichte und dem Zustrom multinationaler Produkte in Plastikverpackungen konfrontiert ist. Fehlende Infrastruktur und Aufklärung führen zu massiver Umweltverschmutzung und illegalen Müllimporten. New kritisiert das Fehlen von effektiven Abfallmanagementsystemen und die Korruption, die diese Probleme noch verschärfen.
Zukunft aus den Überresten: Eine künstlerische Antwort auf Plastikmüll
Für New ist seine Kunst eine Möglichkeit, sich an der Diskussion über die Zukunft seiner Heimat zu beteiligen. Er möchte eine philippinische Perspektive in die oft eurozentrisch geprägten Zukunftsgeschichten einbringen. Seine Installation bietet eine Plattform, um zu zeigen, wie aus den Überresten unserer Konsumgesellschaft neue, funktionale und interaktive Formen entstehen können. Er arbeitet mit Architekten und Bambus-Innovatoren zusammen, um nachhaltige Alternativen zu traditionellen Baumaterialien zu entwickeln. Die Verwendung von Bambus und recycelten Plastikflaschen ist dabei eine Notwendigkeit, da die Philippinen trotz reicher Wasserressourcen von Flaschenwasser abhängig sind und riesige Mengen an Plastikmüll produzieren.
Die Symbolik von "Balangay Spacecraft": Boote, Gemeinschaft und Zukunftshoffnung
"Balangay" bezieht sich auf alte philippinische Boote, die für Handel und Migration zwischen Inseln genutzt wurden. Das Wort "Barangay", das Dorf oder Gemeinschaft bedeutet, leitet sich davon ab. Diese doppelte Bedeutung von Boot und Gemeinschaft prägt News Vision. Er sieht sein "Spacecraft" nicht als Raumschiff für den Weltraum, sondern als Gefäß für emotionale, mythische oder physische Räume. Die "Kolonie" aus miteinander verbundenen Kugeln, die er als satellitenartige Strukturen beschreibt, soll den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Umgebung neu zu gestalten und zu beanspruchen. Ein von ihm in einem philippinischen Surferort errichtetes Werk wurde von den Einheimischen auf vielfältige Weise interpretiert, von Meeresschildkröteneiern bis hin zu einem neuen Wahrzeichen.
Die Realität des Klimawandels: Kampf gegen steigende Meeresspiegel
New engagiert sich aktiv im Kampf gegen den Klimawandel. Er besucht Inselgemeinschaften, die unter steigenden Meeresspiegeln leiden, und arbeitet mit Greenpeace zusammen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Er betont, dass Überschwemmungen auf den Philippinen aufgrund von Klimaveränderungen und mangelhafter Infrastruktur, die oft durch Korruption beeinträchtigt wird, immer häufiger werden. Diese Ereignisse offenbaren Missstände und führen zu einem verstärkten Bewusstsein in der Bevölkerung, auch wenn der Wandel noch unsicher ist.
Künstlerische Zusammenarbeit und soziale Relevanz
News Interesse an der Gestaltung imaginärer Welten hat sich zu einer kollaborativen und sozial engagierten Praxis entwickelt. Er arbeitet mit Freunden aus der Kunstschule zusammen, um in seinen Werken Performance und soziale Kommentare zu verbinden. Die "Balangay Spacecraft" wird bei der Eröffnung mit einer Live-Performance, dem "Dance of the Underwater Creatures", zum Leben erweckt, bei der philippinische Künstler in eigens entworfenen Kostümen auftreten, die aus denselben Materialien wie die Installation gefertigt sind. Diese Performance beleuchtet auch das Thema Migration, da viele Philippiner aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Möglichkeiten ihre Heimat verlassen müssen.
Humor und Widerstandsfähigkeit: Eine philippinische Perspektive
New hofft, dass die Ausstellung die Besucher zum Nachdenken anregt. Er schätzt die anfängliche Verwirrung der Menschen, wenn sie seine "fremdartigen" Kreationen sehen und dann erkennen, dass sie aus vertrauten Alltagsgegenständen bestehen. Dieser Humor und diese Verspieltheit spiegeln die philippinische Mentalität wider, auch in schwierigen Zeiten Freude und Widerstandsfähigkeit zu bewahren. Das Lachen angesichts von Überschwemmungen und Krisen ist für New ein Ausdruck der Art und Weise, wie die Menschen in seiner Heimat mit Not umgehen – man lacht oder man weint.
