Eine Rezension von "Zeitgenssische japanische Plakate" von Giancarlo Calza
Das Buch "Zeitgenössische japanische Plakate", herausgegeben von Giancarlo Calza und publiziert von Skira im November 2021, ist eine umfassende Sammlung japanischer Grafikdesigns. Auf 519 Seiten werden 756 Plakate von 85 verschiedenen Designern präsentiert. Obwohl es als Referenzwerk konzipiert ist, bietet es auch ästhetischen Genuss. Es beleuchtet die Entwicklung japanischer Plakatkunst von der Nachkriegszeit bis in die ersten beiden Jahrzehnte des neuen Jahrtausends und betont die kulturelle Bedeutung sowie die künstlerische Tiefe der vorgestellten Werke. Es ist ein Muss für Design-Enthusiasten und Historiker, die sich für die visuelle Kultur Japans interessieren.
In der heutigen digitalen Ära, in der viele Archivarbeiten und generierte Imitationen miteinander vermischt werden, ist ein gedrucktes und sorgfältig kuratiertes Archiv wie dieses von unschätzbarem Wert. Es hilft dabei, die Authentizität und den Ursprung der japanischen Plakatkunst zu bewahren. Das Buch würdigt 85 namentlich genannte Designer, deren Arbeiten oft auf Moodboards erscheinen, jedoch ohne entsprechende Nennung der Urheber. Die detaillierte Darstellung dieser Künstler stellt sicher, dass ihre Beiträge zur visuellen Kultur Japans angemessen anerkannt werden.
Ein zentrales Thema des Buches ist die Frage nach dem Wert von 70 US-Dollar für eine solche Publikation. Die Antwort hängt stark von den Erwartungen des Lesers ab. Wenn es darum geht, Designernamen oder Plakatlayouts nachzuschlagen, ist der Kauf gerechtfertigt. Sucht man jedoch nach der Möglichkeit, japanische Plakate in ihrer ursprünglichen Größe zu studieren, stößt das Buch aufgrund der hohen „Plakatdichte“ an seine Grenzen. Die Seitenmaße des Buches (etwa 210 x 292 mm) bedeuten, dass selbst großformatige B1-Plakate (728 x 1030 mm) nur in stark reduzierter Größe abgebildet werden können, was zu einem "Maßstabsverlustfaktor" von etwa 3,5 führt. Dies kann die haptische Erfahrung und die feinen Details der Originale beeinträchtigen.
Das Buch deckt die Nachkriegsgeschichte des japanischen Grafikdesigns durch seine Plakate ab. Schlüsselereignisse wie die Olympischen Spiele in Tokio 1964, die Expo in Osaka und das Logo von Issey Miyake dienen als Ankerpunkte. Chronologisch beginnt die Darstellung in den 1950er Jahren und reicht bis in die jüngere Vergangenheit. Designer wie Yusaku Kamekura, der Plakate für die Olympischen Spiele 1964 und die Expo 1970 entwarf, sowie Ikko Tanaka, geboren 1930 in Nara und verstorben 2002, werden ausführlich gewürdigt. Giancarlo Calza, ein Experte für asiatische Kunstgeschichte, bringt seine umfassenden Kenntnisse in die Edition ein. Er lehrt an der Ca' Foscari Universität Venedig und leitete das Internationale Hokusai Forschungszentrum in Mailand. Seine früheren Publikationen, darunter "Ukiyo-e" und "Japan Style" sowie eine Monografie über Tanaka Ikko, unterstreichen seine Expertise. Calza argumentiert, dass Nachkriegsdesigner traditionelle Themen und Farben in die Moderne übertrugen, was eine faszinierende Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart schafft.
Besonders interessant ist die These, dass das Buch eine Forschungslücke in Bezug auf japanisches Grafikdesign schließt, indem es die ersten beiden Jahrzehnte des neuen Jahrtausends abdeckt, während frühere italienische Studien nur bis zum ersten Jahrzehnt reichten. Dies bedeutet eine ausgewogene Präsentation von Werken anerkannter Meister und neuerer Talente. Ein wichtiger Maßstab für den Wert des Buches ist der "Lücken-Schließ-Test": Die wahren Perlen des Buches sind die neueren Designer, deren Namen dem Leser möglicherweise noch unbekannt sind und die zur Erweiterung des Horizonts beitragen.
Die anhaltende Relevanz japanischer Plakate für zeitgenössische Designer wird durch die Arbeiten von Ikko Tanaka belegt. Seine Designs, die oft die Ereignisse, für die sie geschaffen wurden, überdauerten, fanden ihren Weg von der Werbung in die Mode, wie seine Kollektionen für Issey Miyake zeigen. Diese Werke, die in Museen weltweit ausgestellt sind, verdeutlichen, dass gute Designs auch nach dem Ende einer Kampagne ihre Wirkung behalten. Die Untersuchung dieser dauerhaften Arbeiten bietet wertvolle Einblicke für aktuelle und zukünftige Designschaffende.
Für eine optimale Nutzung des Buches wird eine "Vier-Phasen-Methode" vorgeschlagen: Zuerst sollten die vier Ankerpunkte des Verlags studiert werden, gefolgt von einer Untersuchung von fünf unbekannten Designern. Danach empfiehlt es sich, ein Plakat auszuwählen, dessen Originalgröße in Museumskatalogen nachzuschlagen und die Darstellung im Buch mit der tatsächlichen Dimension zu vergleichen. Abschließend sollte Calzas Text gelesen werden, um die eigene visuelle Wahrnehmung mit den fachlichen Einschätzungen abzugleichen. Obwohl Online-Archive detailliertere Metadaten liefern können, ist die kuratorische Auswahl und Anordnung des Buches einzigartig und macht es zu einer vertrauenswürdigen Quelle.
Das Buch richtet sich in erster Linie an erfahrene Designer, die Plakate oder Identitäten entwickeln, sowie an Lehrende der japanischen Plakatdesigngeschichte. Für Einsteiger ist es möglicherweise weniger geeignet, da es weniger tief in die Arbeit einzelner Designer eintaucht als eine Monografie. Mit einem Gewicht von 2,24 Kilogramm ist es eher ein Werk für den Schreibtisch als für die Couch. Die Entscheidung, ob es zu den besten Büchern über japanische Plakate zählt, hängt von der Definition von "best" ab, aber in Bezug auf die Anzahl der enthaltenen Plakate ist es zweifellos eine umfassende Sammlung.
Abschließend kann man festhalten, dass "Zeitgenössische japanische Plakate" eine hervorragende Referenz für alle ist, die sich für die Entwicklung des japanischen Grafikdesigns interessieren. Es bietet eine einzigartige Perspektive auf die visuelle Kultur Japans und bewahrt das Erbe von Designern, deren Arbeiten weiterhin inspirieren und prägen. Die ausführliche Darstellung von 756 Plakaten und die Biografie von 85 Designern machen es zu einer unverzichtbaren Ressource für Studenten, Fachleute und Liebhaber des Designs.
