DesignOct 05, 2026, 11:18 AM

Geoffrey Bawa: Architektur für eine neue Nation

Geoffrey Bawa: Architektur für eine neue Nation
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Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein präsentiert eine umfassende Ausstellung über den wegweisenden sri-lankischen Architekten Geoffrey Bawa. Die Schau mit dem Titel "Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne", die in Zusammenarbeit mit dem M+ Museum in Hongkong und dem Geoffrey Bawa Trust entstand, beleuchtet das Werk eines Mannes, der die Baupraxis in einem jungen, postkolonialen Land entscheidend prägte. Gezeigt werden zahlreiche Zeichnungen, Modelle, Dokumente und Fotografien, die Bawas einzigartigen Ansatz in Bezug auf Natur, Material und lokale Traditionen veranschaulichen. Bawa, der erst spät zur Architektur fand, entwickelte einen Stil, der oft als "vernakulärer Modernismus" oder "Tropenmoderne" bezeichnet wird, und sich durch die Integration einheimischer Baustoffe und Handwerkstechniken auszeichnete. Die Ausstellung hebt Bawas sensible Auseinandersetzung mit der Natur hervor und stellt sie als Vorbild für eine zukunftsweisende ökologische Architektur dar.

Die Südasien-Region hat in den letzten Jahren eine verstärkte Präsenz auf dem Vitra Campus erfahren. Nach der Ergänzung des Architekturensembles durch das Khudi Bari von Marina Tabassum aus Bangladesch und das Doshi Retreat von Balkrishna Doshi, rückt nun Geoffrey Bawa in den Fokus. Geboren 1919 in der damaligen britischen Kolonie Ceylon, absolvierte Bawa zunächst ein Studium der Anglistik in Oxford und der Rechtswissenschaften in London. Seine Hinwendung zur Architektur erfolgte erst 1954 an der renommierten Architectural Association in London, inspiriert durch den Umbau einer 1948 erworbenen Plantage in Sri Lanka zu einem luxuriösen Landsitz.

Anfänglich beeinflusst von der europäischen Moderne, entwickelte Bawa ab den späten 1950er-Jahren einen unverwechselbaren architektonischen Ausdruck. Dieser zeichnete sich durch die Verwendung heimischer Materialien und traditioneller Handwerkstechniken aus, wodurch er sich von westlichen Strömungen absetzte und gleichzeitig lokale Traditionen aufgriff. Bawas Werk wird oft dem "kritischen Regionalismus" zugeordnet, einem Konzept, das eine moderne, aber kontextbezogene Architektur fordert. Seine "vernakuläre Moderne" oder "Tropenmoderne" wurde weltweit anerkannt, obgleich Bawa selbst jede Kategorisierung seines Schaffens ablehnte. Die Ausstellung in Weil am Rhein beleuchtet diese Aspekte und präsentiert Bawas bedeutendste Bauten, die seinen Ruf begründeten.

Milinda Pathiraja vertritt im Katalog der Ausstellung die Ansicht, dass die eingeschränkten materiellen Ressourcen im Sri Lanka der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bawas Architektursprache maßgeblich formten. Die nationalistische und sozialistische Ausrichtung der Regierung führte zu einem Mangel an modernen Baustoffen. Dies wird in der Ausstellung durch verschiedene Stühle verdeutlicht, die Bawa von lokalen Handwerkern unter Verwendung verfügbarer Materialien nach bekannten Vorbildern anfertigen ließ. Doch William J. R. Curtis wies bereits 1987 auf die kolonialen Architekturen der Portugiesen, Niederländer und Briten als wichtige Einflüsse in Bawas Werk hin, was die These der reinen Ressourcenknappheit relativiert. Die Ausstellung beleuchtet jedoch nicht umfassend die komplexen Einflüsse auf Bawas "Vernakularismus" und dessen Rolle bei der Gestaltung einer sri-lankischen Nationalarchitektur, obwohl Bawa als eine Art Staatsarchitekt wirkte und beispielsweise zwischen 1979 und 1982 das Parlament Sri Lankas errichtete.

Die Ausstellung legt einen starken Fokus auf die Wechselwirkung von Architektur und Natur in Bawas Oeuvre. Der Eröffnungsraum, gestaltet von der Architektin Lina Ghotmeh, inszeniert Bawas Wohnhaus durch Iwan Baans Fotografien und passende Klangaufnahmen als immersives Erlebnis. Diese Herangehensweise unterstreicht Bawas Überzeugung, dass Architektur erfühlt und nicht nur intellektuell erklärt werden muss. Baans rund 50 Fotografien tragen maßgeblich dazu bei, dieses Erlebnis für die Besucher zugänglich zu machen. Ein weiterer Schwerpunkt ist Bawas enge Zusammenarbeit mit sri-lankischen Künstlern wie der Batikerin Ena de Silva, der Textildesignerin Barbara Sansoni und dem Bildhauer Laki Senanayake. Dieser Teil der Ausstellung bietet wertvolle Einblicke in das kulturelle Umfeld, in dem Bawas Architektur entstand.

Die Ausstellung "Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne", die vom 26. September 2026 bis zum 28. Februar 2027 im Vitra Design Museum zu sehen ist, zeichnet ein beeindruckendes Porträt eines der bedeutendsten postkolonialen Innovatoren der südasiatischen Baukunst. Sie beleuchtet die Herausforderungen und Bedingungen, denen Bawa im unabhängigen Sri Lanka begegnete, und betont seinen sensiblen Umgang mit der Natur als wegweisendes Modell für eine zukunftsfähige ökologische Architektur des 21. Jahrhunderts.

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