Tokio Hotels “Encore”: Eine musikalische Bestandsaufnahme
Tokio Hotels neuestes Werk, „Encore“, zeigt die Band in ihrer Komfortzone und liefert Pathetik-Pop, dessen Klangästhetik tief in den Radiosendern der 90er und frühen 2000er Jahre von Magdeburg verwurzelt ist. Die Frage, ob ihre Lieder auch ohne die visuelle Unterstützung von Bühnenshows oder als reine Filmmusik bestehen können, wird mit einem differenzierten „Jein“ beantwortet. Das Album bietet eine vertraute musikalische Landschaft, ohne dabei neue Wege zu beschreiten, was sowohl Fans als auch Kritikern Anlass zur Reflexion über die künstlerische Entwicklung der Gruppe gibt.
Im Detail offenbaren Stücke wie „Changes“ und „Without You“ eine Fülle an „Big Feelings“, kunstvoll produziert und stimmig arrangiert, um Romanzen in Moll-Tönen opulent darzustellen. Bills Gesang bleibt seinem gewohnt übertriebenen Stil treu, wobei er persönliche Themen aufgreift, die bereits in einer bekannten Netflix-Produktion beleuchtet wurden, wie seine Aussage „I don’t wanna be alone, I don’t like me on my own“ unterstreicht. „Memory Lane“ widmet sich der Rückkehr zu den Wurzeln, während „Dye My Hair“ anfangs flüchtige Anklänge an Depeche Mode erkennen lässt. „Call Me By Your Name“ präsentiert sich als Gitarrenstück, das zum Lagerfeuer einlädt, und „Shout 2 The Universe“ lässt unweigerlich an Live-Pyroeffekte denken. „Perfect Ending“ hingegen eignet sich hervorragend als Hymne für die Abiturfahrt.
Das Album ist unverkennbar dem Mainstream zuzuordnen. Ein früherer Versuch, sich in elektronische Gefilde zu wagen, scheint eher Verwirrung gestiftet zu haben, möglicherweise auch bei der Band selbst. Alle Titel auf „Encore“ lassen sich mühelos in das bestehende Bühnenprogramm integrieren. Interessant wäre jedoch ein Soloprojekt von Tom Kaulitz, da Bill bereits 2016 mit „BILLY“ einen Alleingang wagte. Es bleibt die Frage, ob eine solche Abkehr vom gemeinsamen musikalischen Schaffen des Bruders überraschende neue Facetten ans Licht bringen könnte.
Zusammenfassend bietet „Encore“ von Tokio Hotel eine Sammlung von Songs, die sich nahtlos in das bekannte Repertoire der Band einfügen. Es ist ein Album, das musikalisch wenig Risikobereitschaft zeigt, sondern vielmehr auf bewährte Formeln setzt. Die Produktion ist makellos, und die emotionalen Botschaften sind klar und direkt. Für Fans der ersten Stunde ist es eine vertraute Reise, die jedoch wenig Raum für Überraschungen lässt. Das Album bestätigt die Position der Band im Mainstream und wirft Fragen nach zukünftigen individuellen musikalischen Wegen der Kaulitz-Brüder auf, die möglicherweise spannendere Entwicklungen versprechen könnten.
