DesignSep 19, 2026, 5:16 PM

„Transform! Designing the Future of Energy“: Ein Buch, das den Energieverbrauch hinterfragt

„Transform! Designing the Future of Energy“: Ein Buch, das den Energieverbrauch hinterfragt
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Das Vitra Design Museum beleuchtet in seinem neuen Werk „Transform! Designing the Future of Energy“ die Rolle des Designs bei der Gestaltung unserer Energiezukunft. Statt sich ausschließlich auf die Produktion „sauberer“ Energie zu konzentrieren, wie es oft der Fall ist, rückt das Buch die Notwendigkeit in den Vordergrund, den Energiebedarf insgesamt zu senken. Es präsentiert eine Vielzahl von Projekten und diskutiert, wie Gestaltung dazu beitragen kann, unseren Umgang mit Energie grundlegend zu überdenken.

Das Buch dient als Katalog für die gleichnamige Ausstellung, die derzeit in Montreal bis Oktober 2026 gastiert und danach im Januar 2027 in Busan, Südkorea, zu sehen sein wird. Für ein breites Publikum ist es somit die primäre Möglichkeit, sich mit den vorgestellten Konzepten und Ideen auseinanderzusetzen. Die Publikation, die vier selbstentwickelte redaktionelle Werkzeuge zur Bewertung von Energieprojekten einführt, bietet eine tiefgehende Analyse der Materie.

Die zentrale Frage des Werks lautet, ob besseres Energiedesign lediglich zu sauberer Energie führt oder vielmehr zu einem geringeren Energieverbrauch. Die Autoren argumentieren, dass die gängige Vorstellung der Energiewende, die sich oft auf Solarpaneele beschränkt, zu kurz greift. Sie betonen, dass Design nicht nur die Einführung erneuerbarer Energien vorantreiben, sondern auch unseren Konsum reduzieren muss. „Energiedesign“ wird hierbei als die Gestaltung von Produkten, Gebäuden und Infrastrukturen definiert, die Energie erzeugen, speichern, transportieren und nutzen. Ziel ist es, nicht nur die Kohlenstoffemissionen zu verringern, sondern auch den Bedarf zu senken.

„Transform! Designing the Future of Energy“ wurde 2024 veröffentlicht und entstand unter der Leitung von Mateo Kries, dem Direktor des Museums, und Chefkurator Jochen Eisenbrand. Der Projektteil des Buches umfasst etwa 100 Fallbeispiele aus den Bereichen Produktdesign, Architektur und Stadtplanung, ergänzt durch rund 200 Abbildungen. Ein anschließender Abschnitt enthält Essays von namhaften Autoren wie Rossi, Rammler, Barber, Germanese, Hein und Guillaume Lion, sowie einen Auszug von Ivan Illich. Das Buch unterstreicht die Überzeugung, dass jeder Aspekt der Energieerzeugung und -nutzung – von Solarpaneelen bis zu Kraftwerken – eine Designentscheidung ist, die Form, Standort und narrative Elemente beeinflusst.

Das Buch ist als Softcover mit Leinenbindung im Format 24 x 32 cm gehalten und wurde von Helen Stelthove gestaltet. Es verwendet FSC-zertifiziertes Papier und setzt die Schriftarten FK Grotesk und FK Grotesk Mono ein, die von Květoslav Bartoš entworfen wurden. Diese Designentscheidungen spiegeln den pragmatischen Ansatz wider, der an Handbücher der 1960er und 70er Jahre erinnert, welche praktische Anleitungen zur Integration von Nachhaltigkeit in den Alltag boten. Die alphabetische Anordnung der Projekte wird durch ein Pfeilsystem ergänzt, das es Lesern ermöglicht, assoziative Verbindungen zwischen den Einträgen herzustellen und somit eigene thematische Pfade zu erkunden. Dies erlaubt verschiedene Leseansätze, sei es ein chronologischer Durchgang, das Verfolgen von Querverweisen oder das Einlesen in die Essays vor der Betrachtung der Projekte.

Ein zentrales Element der Analyse ist der „Appetite Test“, der die Frage stellt, ob ein Energieprojekt den Energiehunger reduziert oder lediglich die Quelle der Energie ändert. Während beide Ansätze wichtig sind, hinterfragt der erste unsere grundlegenden Gewohnheiten. Beispiele wie das „Solar Protocol“, ein Netzwerk von solarbetriebenen Servern, oder Snøhettas „Powerhouse Brattørkaia“ werden als Projekte genannt, die den „Appetite Test“ bestehen, indem sie den Bedarf reduzieren oder eine transparente Bilanzierung der grauen Energie berücksichtigen. Kritisch wird hingegen der „CopenHill“ von Bjarke Ingels Group betrachtet, ein Müllheizkraftwerk mit Skipiste, dessen Bedarf an Abfallimporten seine Nachhaltigkeitsbilanz trübt.

Das Buch scheut sich nicht, auch die Herausforderungen und Rückschläge im Bereich des Energiedesigns aufzuzeigen, was es glaubwürdiger macht. Der „Funding Cliff“ beschreibt jenen Punkt, an dem vielversprechende Prototypen an fehlenden finanziellen Mitteln scheitern. Projekte wie das Solarkraftfahrzeug Aptera oder das Segelfrachtschiff EcoClipper500 werden vorgestellt, wobei offen auf Finanzierungslücken und Unsicherheiten hingewiesen wird. Diese Ehrlichkeit, die in der Regel in solchen Publikationen selten zu finden ist, unterstreicht die Komplexität und Risiken in der Entwicklung nachhaltiger Energielösungen. Zugleich betont das Buch die „Visibility Gap“, die Distanz zwischen der Energieerzeugung und ihrer Wahrnehmung. Design kann diese Lücke schließen, wie die „Atomteller“ zeigen, die Atomkraftwerke in idyllischen Landschaften mit detaillierten Informationen über ihre Leistung und Risiken verbinden. Es kann aber auch genutzt werden, um politische Agenden zu fördern, wie die historischen „Atoms for Peace“-Kampagnen belegen.

Trotz einiger kleinerer Kritikpunkte, wie der alphabetischen Sortierung, die die thematische Entwicklung der Ausstellung verwässert, oder der schnell veraltenden Projektinformationen und der regionalen Konzentration auf Nord- und Mitteleuropa, bietet das Buch einen wertvollen Beitrag zur Diskussion. Es richtet sich an Designer, Architekten, Studierende und Kuratoren, die sich mit Energiedesign auseinandersetzen möchten. Es wird all jenen empfohlen, die eine Arbeitsgrundlage und zitierfähige Beispiele für nachhaltiges Design suchen. Wer hingegen eine detaillierte politische Roadmap oder technische Spezifikationen erwartet, wird das Buch weniger nützlich finden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Transform! Designing the Future of Energy“ nicht nur eine Dokumentation einer Ausstellung ist, sondern ein wichtiger Impulsgeber für die Weiterentwicklung des Energiedesigns. Es lädt dazu ein, den Status quo zu hinterfragen und sich aktiv an der Gestaltung einer energiebewussteren Zukunft zu beteiligen, indem es die fundamentale Frage aufwirft, ob wir tatsächlich all die Energie benötigen, die wir derzeit verbrauchen.

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