Wohnung ohne Wände: RDTH architekti definiert Raum neu
In einer Zeit, in der viele Wohnungen durch starre Grundrisse und feste Wände begrenzt scheinen, fordert das Prager Architekturbüro RDTH architekti diese konventionelle Auffassung mit einem bahnbrechenden Konzept heraus. Ihr Entwurf einer "wandlosen" Wohnung löst sich von der Vorstellung, dass Räume durch unbewegliche Barrieren definiert sein müssen. Stattdessen wird der gesamte Innenraum auf ein Minimum reduziert und durch innovative Lösungen neu aufgebaut. Es gibt keine Flure und kaum Türen – lediglich die Toilette ist abgetrennt. Diese Herangehensweise ermöglicht eine einzigartige Verbindung von offenem Wohnen und klar definierten Funktionsbereichen, die sich den individuellen Bedürfnissen anpassen lassen.
Das Kernstück dieses Designs ist ein einzelner, leicht gedrehter Möbelblock im Zentrum der Wohnung, der vier verschiedene Funktionszonen gleichzeitig schafft. Dieser Ansatz steht im Einklang mit der aktuellen Neubewertung des Wohnens, die durch Faktoren wie mobiles Arbeiten und sich ändernde Haushaltsgrößen vorangetrieben wird. RDTH architekti stellt die provokante, aber überzeugende These auf, dass Privatsphäre nicht durch Wände, sondern durch intelligentes Design entsteht, das Materialität, Licht und flexible Elemente nutzt, um die gleiche psychologische Wirkung zu erzielen wie starre Abtrennungen.
Das Konzept einer Wohnung ohne feste Wände mag auf den ersten Blick Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre aufwerfen. Viele assoziieren Wände mit Abgrenzung und intimen Bereichen. Die Befürchtung ist, dass ohne sie alles ineinander übergeht – Schlaf in Arbeit, Kochen in Gespräche, persönliche Hygiene verliert ihre Grenzen. Doch RDTH architekti entkräftet diese Annahme entschieden. Ihre Philosophie besagt, dass nicht Wände die Privatsphäre schaffen, sondern das Design selbst. Durch die geschickte Anordnung von Möbeln, Materialien, Licht und Vorhängen lässt sich derselbe psychologische Effekt erzielen wie mit festen Trennwänden, jedoch ohne deren Starrheit und raumverdichtende Wirkung.
In diesem flexiblen Wohnkonzept wurden alle festen Trennwände bis auf den Installationsschacht und ein Oberlicht entfernt. Dies bildet die strukturelle Basis. Von dort aus wurde der Raum mit drei Hauptelementen neu gestaltet: Einbaumöbel, Glasbetonsteine und Vorhänge. Jedes weitere Element – jeder Stuhl, jede Pflanze, jede Leuchte, jedes persönliche Objekt – wird als frei einfügbares Element betrachtet. Die Unterscheidung zwischen fest und flexibel ist direkt in die Designlogik integriert. Der zentrale Möbelblock ist die tragende Idee des gesamten Projekts. Durch seine leichte Drehung organisiert er die Wohnung in vier Zonen, ohne sie physisch abzutrennen. Man hat das Gefühl, sich in einem eigenständigen Bereich zu befinden – sei es ein Schlafzimmer, eine Küche oder ein Wohnbereich – ohne dass eine einzige feste Trennwand dieses Gefühl erzwingt. Die Zonen wirken real, weil das Design sie real macht, nicht weil Trockenbauwände es vorschreiben.
Der Begriff "Drehblock-Rahmenwerk" beschreibt präzise das Konzept von RDTH architekti: Ein einzelnes, mittig platziertes, leicht gedrehtes Möbelelement, das gleichzeitig räumliche Hierarchie schafft, Funktionszonen definiert und die Gesamttransparenz bewahrt. Es ist eine Designstrategie, die die traditionelle Annahme infrage stellt, dass räumliche Organisation physische Abgrenzungen erfordert. Stattdessen argumentiert sie, dass Richtung und visuelle Ankerpunkte dieselbe Funktion erfüllen können. Beim Betreten dieser Wohnung fällt der Blick sofort auf den zentralen Block, der den umgebenden Raum strukturiert, obwohl nichts abgetrennt ist. Dies stellt eine bedeutende Abkehr von der üblichen Zonendefinition in den meisten offenen Grundrissen dar, die typischerweise auf Teppiche, Lichtwechsel oder Deckenbehandlungen setzt. Der Drehblock ist eine subtraktive Strategie: Man beginnt mit völliger Offenheit und lässt ein einziges starkes Element die gesamte Struktur schaffen. Diese Effizienz ist bemerkenswert: Ein Objekt, vier Zonen, keine Wände. Die Zonen bleiben zudem anpassbar; ein Vorhang, ein Paravent oder ein neu angeordnetes Regal können den Raum umgestalten. RDTH architekti beschreibt dies als ein Design, das "den aktuellen Bedürfnissen seiner Nutzer entspricht", wobei Flexibilität keine Nebensache, sondern der Kernpunkt ist.
Für den Sanitärbereich werden Glasbetonsteine anstelle massiver Wände verwendet. Diese Materialwahl hat enorme räumliche Konsequenzen. Die Steine lassen Licht durch, blockieren aber gleichzeitig direkte Sichtachsen. Sie schaffen eine Schwelle – eine spürbare Grenze – ohne eine visuelle Barriere zu errichten. Dies bedeutet, dass der Dusch- und Toilettenbereich keine dunkle, versteckte Box hinter Trockenbauwänden wird. Stattdessen dringt Licht hindurch und verbindet ihn mit dem Rest der Wohnung. Man weiß, dass er da ist, sieht aber nicht direkt hinein. Dies ist ein Beispiel für "kalibrierte Durchlässigkeit" – die bewusste Zuweisung unterschiedlicher Grade visueller, akustischer und lichttechnischer Transparenz zu verschiedenen Zonen innerhalb eines offenen Raumes. Statt jede Zone entweder als offen oder geschlossen zu behandeln, arbeitet dieser Ansatz mit Abstufungen. Einige Zonen sind vollständig offen, andere teilweise abgeschirmt, eine ist durch eine Tür verschlossen. Die Wohnung funktioniert als Spektrum von Privatsphäreniveaus, nicht als binäres System von Räumen versus offenem Grundriss.
Die Entscheidung für zwei Küchenbereiche mag übertrieben klingen, doch die dahinterstehende Logik ist wohlüberlegt. Die erste Küche befindet sich im Hauptwohnbereich und wird von RDTH architekti als "Heimcafé" beschrieben – ein Ort für den morgendlichen Kaffee, für ungezwungenes Zubereiten und soziale Küchenaktivitäten. Sie kommt ohne Kochgeräte aus und ist direkt mit dem Wohn- und Sitzbereich verbunden. Die zweite Küche, voll ausgestattet, befindet sich im hinteren Teil des Grundrisses. Hier wird "ernsthaft" gekocht und die Wäsche erledigt. Sie ist durch einen verschiebbaren Vorhang vom restlichen Raum abgetrennt. Ist der Vorhang offen, ist sie Teil der Wohnung; ist er geschlossen, verschwindet sie. Dies ist eine direkte Antwort auf urbane Lebensbedingungen. Die Architekten betonen, dass sich in zehn Gehminuten Entfernung Lebensmittelgeschäfte, Restaurants, Cafés, eine Bibliothek, Sporteinrichtungen und eine U-Bahn-Station mit Flughafenanbindung befinden. Die Wohnung muss nicht wie ein eigenständiger Haushalt im traditionellen Vorstadtsinn funktionieren, sondern kann sich auf die Infrastruktur der Stadt verlassen, um Dienstleistungen zu erhalten, die sonst eine spezielle häusliche Ausstattung erfordern würden. Diese Erkenntnis – dass städtische Nähe die Anforderungen an ein Zuhause verändert – ist eines der interessantesten planerischen Argumente dieses Projekts. Wenn die Stadt Ihre Speisekammer ist, benötigen Sie keine große Küche. Wenn die Stadt Ihr Fitnessstudio ist, brauchen Sie kein Heimbüro mit geschlossener Tür zur Konzentration. Die Wohnung kann leichter, offener und weniger durch alle möglichen häuslichen Funktionen belastet sein.
Privatsphäre ist der offensichtliche Einwand gegen eine "wandlose" Wohnung. Wer kann hier bequem leben, wenn es keine Wände gibt? Die Antwort der Architekten verdient ernsthafte Beachtung. Erstens: Vorhänge. Im gesamten Apartment dienen Verdunkelungsvorhänge als bewegliche Trennwände. Sie sind kein Kompromiss, sondern ein echtes Designelement, gewählt, weil sie etwas können, was Wände nicht können: Sie verändern sich. Innerhalb von Sekunden wird ein vollständig offener Raum zu einem geschlossenen, und ebenso schnell wieder geöffnet. Ohne Renovierung, ohne Staub und ohne endgültige Entscheidung. Zweitens: Der Drehblock selbst schafft psychologische Privatsphäre durch visuelle Trennung. Auch ohne Tür fühlt sich der Schlafbereich wie ein Schlafzimmer an, weil das zentrale Möbelelement Bewegung und Sichtachsen lenkt. Studien zur Raumpsychologie zeigen immer wieder, dass gefühlte Privatsphäre stärker von visuellen als von physischen Grenzen abhängt. RDTH architekti arbeiten direkt mit diesem Verständnis. Drittens – und das ist der ehrlichste Punkt – ist diese Wohnung eine bewusste Wahl. Die Architekten beschreiben Offenheit als Entscheidung, nicht als Standard. Sie passt zu bestimmten Menschen, bestimmten Lebensstilen und bestimmten Lebensphasen. Sie passt nicht zu jedem, und das Projekt erhebt nicht den Anspruch, dies zu tun. Aber für den richtigen Bewohner bietet sie etwas, das eine traditionell aufgeteilte Wohnung nicht bieten kann: einen kontinuierlichen, fließenden, reaktionsfähigen Raum. Ein Aspekt dieses Projekts, der mehr Aufmerksamkeit verdient, ist die Rolle der Zeit. RDTH architekti räumt explizit ein, dass "die Zeit hier eine wichtige Rolle spielt". Die Wohnung reagiert auf aktuelle Bedürfnisse – aber zukünftige Bedürfnisse können anders sein. Ich würde behaupten, dies stellt eine bedeutende Verschiebung in der Denkweise über Wohndesign dar. Die meisten Wohnungen sind so konzipiert, als ob das Leben des Bewohners feststeht. Das Schlafzimmer ist immer ein Schlafzimmer. Das Wohnzimmer ist immer ein Wohnzimmer. Die Küche bleibt immer an ihrem Platz.
Das Materialkonzept ist bewusst schlicht und durchdacht. Sichtbeton belässt das Gebäudeskelett in seinem natürlichen Zustand – ohne Farbe, ohne Putz, ohne Verkleidung. Die Außenwände behalten ihren Putz. Der Boden besteht aus traditionellem Eichenparkett, das eine warme und vertraute Note zum rohen Beton der Decke bildet. Weiße Einbaumöbel fügen sich neutral in diese Palette ein. Sie konkurrieren nicht mit dem Beton, sondern lassen den Raum als Einheit erscheinen, anstatt als Ansammlung widerstreitender Materialaussagen. Die wenigen, sorgfältig ausgewählten, freistehenden Kultmöbelstücke verleihen dem Raum Charakter, ohne die Offenheit zu beeinträchtigen. Die Beleuchtung ist ebenfalls sparsam gestaltet. Ein einziger Stromkreis versorgt die gesamte Wohnung. Einzelne Leuchten werden digital gesteuert – per Smartphone oder wandmontiertem Tablet. Die Einfachheit dieses Systems ist an sich schon eine Aussage: Eine wandlose Wohnung benötigt keine komplexen, zonenbasierten Beleuchtungskonzepte, da die Zonen nicht fest sind. Ein anpassungsfähiges System dient dem Ganzen. Zimmerpflanzen und persönliche Gegenstände runden das Bild ab – nicht als Dekoration, sondern als Zeichen der Bewohnbarkeit. RDTH architekti beschreiben diese als "frei eingefügte Elemente". Das trifft den Nagel auf den Kopf. Sie gehören der Person, nicht der Architektur. Die Architektur beherbergt sie, definiert sie aber nicht.
Das Projekt von RDTH architekti ist kein Einzelfall, sondern ein Zeichen für kommende Entwicklungen. Mehrere Trends laufen zusammen, die diese Art des wandlosen Wohnungsdesigns immer relevanter machen. Städtische Wohnungen werden aufgrund steigender Grundstückspreise kleiner, wodurch traditionelle, raumbasierte Grundrisse auf kleineren Flächen zunehmend ineffizient werden. Wo jeder Quadratmeter zählt, sind feste Trennwände sowohl kosten- als auch raumflexibel teuer. Das Drehblock-Rahmenwerk bietet eine Alternative: maximale räumliche Organisation bei minimaler eingebauter Infrastruktur. Die Zusammensetzung der Haushalte wird unvorhersehbarer. Die Vorstellung, für eine feste Familieneinheit zu entwerfen – zwei Erwachsene, zwei Kinder, dauerhaft – entspricht nicht mehr der Realität vieler Menschen. Einpersonenhaushalte, wechselnde Wohngemeinschaften, Wohn-Arbeits-Arrangements, Fernarbeit: All dies erfordert Räume, die sich umkonfigurieren lassen, anstatt Räume, die einen einzigen Nutzungsmodus voraussetzen. Schließlich gibt es – insbesondere bei jüngeren Stadtbewohnern – ein wachsendes Bedürfnis nach Räumen, die sich wirklich frei anfühlen. Nicht Instagram-frei. Nicht die inszenierte Offenheit einer Hotellobby. Sondern tatsächlich frei: reaktionsfähig, ehrlich in ihrer Beschaffenheit, unverbaut von Räumen, die existieren, weil Konventionen es erfordern. Die wandlose Wohnung von RDTH architekti ist ein solcher Raum. Sie ist frei, weil sie dazu entworfen wurde, frei zu sein, nicht weil jemand Wände entfernt und es damit bewenden lässt.
